Rentenkommission will Minijobs umgestalten: Alarm bei Handel und Gastronomie
Rentenreform für Minijobs würde Alltag vieler Beschäftigter grundlegend verändern
Mehr als 1,6 Millionen Menschen im Südwesten arbeiten nebenbei als Minijobberinnen und Minijobber. Aktuell können sie bis zu 603 Euro im Monat verdienen, ohne Steuern oder Sozialabgaben zu zahlen. Ein Vorschlag der Rentenkommission würde dieses Modell erheblich verändern: Künftig sollen auch Beiträge zur Renten-, Pflege- und Krankenversicherung erhoben werden.
Die Nachricht trifft Beschäftigte und Unternehmen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz mitten ins Lebens- und Geschäftsmodell. In Baden-Württemberg sind nach Schätzungen rund 1,2 Millionen Menschen betroffen, in Rheinland-Pfalz gut 400.000. In Ingelheim, wo Reporter des SWR mit Betroffenen sprachen, herrscht Unsicherheit: Viele sehen ihren Nebenverdienst gefährdet, Unternehmen fürchten Personalengpässe, vor allem in Gastronomie und Einzelhandel.
Die Kontroverse
Wirtschaftsverbände warnen vor steigenden Personalkosten und sinkender Flexibilität. Gastwirte und Supermarktbetreiber befürchten, dass geringfügig Beschäftigte künftig nicht mehr zur Verfügung stehen und Ersatzpersonal kaum zu finden sein wird. Auf der anderen Seite argumentieren Experten, dass sozialversicherungspflichtige Anteile die Altersversorgung sichern und prekäre Beschäftigung eindämmen könnten.
Enzo Weber, Arbeitsmarktexperte am IAB in Nürnberg, bewertet die Reformpläne positiv: «Die Einbeziehung in die Sozialversicherung kann langfristig zu stabileren Rentenansprüchen führen», sagt er. Für viele Minijobberinnen und Minijobber bedeute das jedoch eine unmittelbare Abwägung zwischen Nettolohn und Absicherung.
Was bedeutet das konkret?
- Höhere Abgaben für Beschäftigte: Ein Teil des bisherigen Nettolohns würde für Renten, Pflege und Krankenversicherung abgezogen.
- Höhere Kosten für Arbeitgeber: Arbeitgeberbeiträge könnten ansteigen oder administrative Hürden größer werden.
- Auswirkungen auf den Nebenjobmarkt: Besonders saisonale und kurzfristige Aushilfen könnten seltener werden, wenn die Beschäftigung formal aufwändiger und teurer wird.
Für viele Betroffene ist unklar, wie schnell eine solche Reform umgesetzt würde und welche Übergangsregeln gelten könnten. Gewerbetreibende fordern klare, praktikable Regelungen und finanzielle Übergangsfristen, damit der Betrieb nicht plötzlich vor personellen Engpässen steht.
Perspektiven
Die Debatte spiegelt ein grundlegendes Dilemma: Wie lässt sich soziale Absicherung verbessern, ohne die Beschäftigungsfähigkeit von Randzeiten- und Nebenjobs zu untergraben? Die Rentenkommission hat eine Diskussion angestoßen, die auf allen Ebenen politische und ökonomische Antworten erfordert. Betroffene in Ingelheim und darüber hinaus warten nun auf konkrete Gesetzesvorschläge und Übergangsfristen.
Reportage und Interviews wurden erstellt im Rahmen der Berichterstattung des SWR Arbeitsplatz-Formats. Reporter vor Ort: Marcel Fehr. Weitere Analysen von Arbeitsmarktforschern und Praxisberichten folgen in den kommenden Sendungen.

02. August
Minijobs in Deutschland vor Reformen: Mehr Kosten für Arbeitgeber, mehr Ansprüche für Beschäftigte«Minijobs vor dem Wendepunkt — wer zahlt künftig den Preis»
Weiterlesen ⮞

02. August
Thüringer Streit um Minijobs entzündet politische DebatteZwei Ministerinnen, zwei Strategien — Minijobs zwischen Vorsorge und Flexibilität
Weiterlesen ⮞

02. August
Minijobs am Abgrund: Wie die 600-Euro-Jobs das Leben in Gemeinden tragenWenn der Nebenjob wegfällt, steht mehr als nur ein Einkommen auf dem Spiel
Weiterlesen ⮞