Kanadas Arbeitsmarkt überrascht: 88.000 neue Stellen im Mai dämpfen Rezessionssorgen
Arbeitsplätze springen im Mai unerwartet an
Ottawa — Die kanadische Wirtschaft hat im Mai 88 000 Stellen hinzugewonnen und damit fast vier Fünftel der Nettoverluste aus den ersten vier Monaten des Jahres wieder ausgeglichen, wie am Freitag veröffentlichte Daten von Statistics Canada zeigen. Der sprunghafte Stellenanstieg ist der stärkste monatliche Zuwachs seit November 2025 und sorgt für zumindest vorläufige Entspannung in den Debatten über eine mögliche Rezession.
Die Arbeitslosenquote sank im Mai auf 6,6 Prozent nach 6,9 Prozent im April. Ökonomen hatten im Schnitt deutlich niedrigere Beschäftigungsgewinne erwartet und gingen davon aus, dass die Arbeitslosenquote auf dem im April erreichten Sechsmonatshoch verharren würde.
Bemerkenswert ist, dass die Zuwächse voll auf Vollzeitstellen entfielen: StatCan meldet einen Nettogewinn von 154 000 Vollzeitjobs, während die Teilzeitarbeit um 66 200 Stellen zurückging. Insgesamt liegt die Beschäftigung im Jahresvergleich nur moderat höher, was auf eine verhaltene Arbeitsmarktentwicklung hindeutet.
Sektoren mit deutlichem Aufschwung
- Bauwirtschaft: plus 26 800 Stellen
- Information, Kultur und Erholung: plus 19 300 Stellen
- Transport und Lagerung: plus 18 700 Stellen
- Beherbergung und Gastronomie: plus 17 000 Stellen
Dagegen verzeichnete der Groß- und Einzelhandel einen Rückgang von etwa 35 000 Stellen, ein gewichtiger Ausgleichsfaktor, da dieser Bereich fast 14 Prozent der Erwerbstätigen stellt.
Auch junge Erwerbspersonen profitierten: Die Jugendarbeitslosigkeit fiel auf 13,4 Prozent nach 14,3 Prozent im Vormonat. Die meisten neu geschaffenen Stellen für 15 bis 24 Jährige waren Vollzeitarbeitsplätze, heißt es in den Daten.
Der Lohnindikator Average hourly wages of permanent employees stieg im Mai um 3,2 Prozent im Jahresvergleich und verlangsamt sich damit deutlich gegenüber dem starken Anstieg von 4,8 Prozent im April. Dieser Wert ist für die Bank of Canada wichtig, da er Erwartungen zur Inflation beeinflusst.
Die positiven Beschäftigungszahlen kommen nur wenige Tage nach der Nachricht, dass das Bruttoinlandsprodukt Kanadas zum zweiten Mal in Folge auf annualisierter Basis geschrumpft ist, was einige Analysten als technische Rezession werten. Andere Ökonomen relativieren das Bild, weil die Arbeitsmarktzahlen bislang keine breit angelegten Entlassungen zeigen und bestimmte Branchen Wachstum verzeichnen.
Benjamin Reitzes von BMO Economics nannte den Bericht unmissverständlich stark, warnte aber zugleich vor zu großer Euphorie, weil das Beschäftigungsniveau im Jahresvergleich nur moderat zulegte. Analysten erwarten, dass die Bank of Canada angesichts der Daten die Leitzinsen vorerst unverändert lässt.
Die Zahlen geben kurzfristig Anlass zur Zuversicht, doch Experten mahnen zur Vorsicht: Monatsdaten schwanken, und die strukturellen Herausforderungen des Arbeitsmarkts bleiben bestehen, insbesondere eine verlangsamte Bevölkerungsdynamik, die das langfristige Beschäftigungswachstum dämpft.
Die Autorin berichtet aus Toronto.