Das Arbeitsmarktparadox: Fachkräftemangel trotz Hunderter Absagen
Paradox auf dem Arbeitsmarkt: Unternehmen suchen, Bewerber finden nicht
Berlin und Düsseldorf. Suzana Flach hat einen makellosen Lebenslauf: 25 Jahre Erfahrung im Kundenservice, Leitung internationaler Teams, Stationen als Führungskraft bei Adidas und zuletzt Interimschefin bei Schiesser. Vor neun Monaten endete ihr Vertrag, seitdem hat sie mehrere Hundert Bewerbungen verschickt und rund 30 Vorstellungsgespräche geführt. Viele Nutzer auf LinkedIn zeigten Solidarität, doch Arbeit blieb aus. «Wenn ich überhaupt eine Absage bekomme, heißt es, ich sei überqualifiziert», sagt Flach und klingt bitter.
Während Unternehmen in Deutschland über jahrelange Vakanzzeiten und fehlende Fachkräfte klagen, berichten selbst hochqualifizierte, erfahrene Berufstätige von systematischen Absagen. Eine Handelsblatt-Analyse zeigt: Das Ungleichgewicht ist kein Zufall, sondern die Folge mehrerer struktureller Probleme.
Vier Gründe für die Schieflage
- Anforderungs- und Qualifikationsmismatch: Viele Stellenanzeigen verlangen enge, spezialisierte Profile oder eine Kombination von Fähigkeiten, die Bewerber nicht exakt abdecken. Erfahrene Kandidaten werden deshalb oft als zu unpassend eingestuft, obwohl sie praktische Erfahrung mitbringen.
- Recruiting-Praktiken und Vorurteile: Algorithmen, Filter in Bewerbermanagementsystemen und die Haltung vieler Recruiter führen dazu, dass Profile vorschnell aussortiert werden. Überqualifizierte Bewerber gelten als Risiko, Gehaltsforderungen als Hemmnis.
- Regionale und sektorale Verzerrungen: Während in Ballungszentren bestimmte Branchen über Bewerbermangel klagen, entstehen parallel in strukturschwächeren Regionen Arbeitslosigkeitszonen. Mobilitätsfragen, Kinderbetreuung und Wohnkosten verhindern oft den postulierten Jobwechsel.
- Demografische und formale Übergänge: Der Renteneintritt von Babyboomern öffnet formal Stellenvolumen, doch viele Jobs ändern sich technologisch oder organisatorisch, sodass Erfahrung allein nicht automatisch zu Besetzungen führt.
Zusammen führen diese Faktoren dazu, dass Angebot und Nachfrage am Arbeitsmarkt aneinander vorbeireden. Für Arbeitssuchende wie Flach bleibt die Folge Frust und finanzielle Unsicherheit, für Unternehmen verlängerte Vakanzzeiten und Produktivitätseinbußen.
Was helfen könnte
Fachkräftesicherung erfordert nach Einschätzung von Arbeitsmarktforschern gezieltere Weiterbildung, flexiblere Stellenprofile, Anpassung von Recruiting-Algorithmen und mehr regionale Mobilitätsförderung. Auch Unternehmen müssten ihre Vorstellung davon überdenken, welche Kompetenzen tatsächlich sofort verfügbar sein müssen und welche durch Einarbeitung ergänzt werden können.
Der Fall Suzana Flach steht exemplarisch für eine Arbeitswelt, die sich schneller verändert als viele ihrer Regeln. Solange Berufsbiografien und Stellenausschreibungen nicht besser zueinander finden, bleibt das Paradox bestehen: Offene Stellen und wartende Talente zugleich.

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